Von Andrew Romany Gaballah (ehem. Praktikant)

Über das Staunen, das Lernen und das Menschsein: Eine persönliche Begegnung mit der Evolutionstheorie

Aufgewachsen in Ägypten blieb mir während meiner Kindheit der Zugang zur Evolutionstheorie weitgehend verwehrt. Im öffentlichen Diskurs spielte das Thema kaum eine Rolle, und auch im schulischen Kontext wurde es nur oberflächlich behandelt. Die Vorstellung, dass neben Homo sapiens sapiens einst andere Menschenarten existierten, erschien mir eher wie eine spekulative Fantasie als eine empirisch fundierte Tatsache.

Erst im Rahmen meines Masterstudiums in Geschichte, Wirtschaft und Philosophie der Wissenschaft an der Universität Bielefeld eröffnete sich mir ein differenzierteres Verständnis dieser Thematik.

Im Zuge meiner Spezialisierung im Bereich Wissenschaftsgeschichte absolvierte ich ein Praktikum am Neanderthal Museum in Mettmann. Diese Erfahrung erwies sich als wissenschaftlich und persönlich prägend. Ich erhielt nicht nur Einblicke in die museumspädagogische Arbeit, sondern auch in die wissenschaftlichen Sammlungen, Labore und Ausstellungen des Hauses. Die Begegnungen mit den Mitarbeiter*innen waren von Offenheit und Kollegialität geprägt, eine Atmosphäre, die meine Neugier förderte und meine Fragen ernst nahm.

Praktikant Andrew Romany Gaballah vor einer Glasvitrine
Andrew Romany Gaballah in der Dauerausstellung des Neanderthal Museums.

Durch die Arbeit im Museum vertieften sich meine Kenntnisse zur Theorie der biologischen Evolution. Insbesondere wurde mir bewusst, wie stark populärwissenschaftliche Darstellungen, etwa das berühmte Bild der sich aufrichtenden Affenreihe, zu Fehlvorstellungen beitragen können. Diese Abbildungen suggerieren eine lineare, zielgerichtete Entwicklung des Menschen, während aktuelle paläoanthropologische Forschung ein vielschichtigeres Bild zeichnet: Verschiedene Menschenarten wie Homo neanderthalensis, Homo floresiensis und Homo erectus lebten zeitweise gleichzeitig und passten sich unterschiedlich an ihre Umweltbedingungen an¹.

Besonders eindrücklich war für mich die Erkenntnis, dass sich Homo sapiens mit anderen Menschenarten fortpflanzte. Genetische Analysen zeigen, dass heute lebende Menschen europäischer und asiatischer Herkunft zwischen 1 und 4 Prozent Neandertaler-DNA in sich tragen². Diese genetischen Erbschaften wirken sich sogar auf das Immunsystem und die Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten, wie COVID-19, aus³. Damit wird deutlich: Wir tragen die Geschichte unseres evolutionären Miteinanders buchstäblich in unseren Zellen.

Praktikant Andrew Romany Gaballah mit Abgüssen
Schädelrepliken einiger menschlicher Vorfahren.

Diese biologische Realität war für mich nicht nur eine wissenschaftliche Entdeckung, sondern auch ein ethischer Impuls. Wenn verschiedene Menschenarten vor Zehntausenden von Jahren friedlich zusammenlebten, sich vermischten und Gemeinschaften bildeten, wie ist es dann möglich, dass die moderne Welt, trotz technologischer und intellektueller Fortschritte, weiterhin von Rassismus, sozialer Ausgrenzung und Konflikten geprägt ist? Könnte ein tieferes Verständnis unserer gemeinsamen Herkunft zu mehr gesellschaftlichem Zusammenhalt führen?

Die Beschäftigung mit der Evolutionstheorie hat in mir nicht nur Wissen generiert, sondern auch eine Haltung: die Anerkennung menschlicher Vielfalt als Grundbedingung unserer Existenz. Vielleicht liegt in der Geschichte der Menschheit nicht nur eine Erklärung für das, was wir sind, sondern auch eine Orientierung für das, was wir sein könnten.

Andrew Romany Gaballah war vom 07.03.2023 bis 28.03.2023 als Praktikant am Neanderthal Museum.

Literaturverzeichnis:

Green, R. E., Krause, J., Briggs, A. W., Maricic, T., Stenzel, U., Kircher, M., ... & Pääbo, S. (2010). A draft sequence of the Neandertal genome. *Science, 328*(5979), 710–722. https://doi.org/10.1126/science.1188021

Tattersall, I. (2012). *Masters of the Planet: The Search for Our Human Origins*. New York: Palgrave Macmillan.

Zeberg, H., & Pääbo, S. (2020). The major genetic risk factor for severe COVID-19 is inherited from Neandertals. *Nature, 587*, 610–612. https://doi.org/10.1038/s41586-020-2818-7

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