Von Neanderthal Museum

Deutsch

Textreader zur Dauerausstellung

Die Nummern in diesem digitalen Begleitheft entsprechen den nummerierten Texten auf den grünen Ausstellungspanelen.

Tunnel am Eingang der Dauerausstellung

1. Ein Fund verändert die Welt.

Sah das Tal immer so aus wie heute?

Was fanden Arbeiter hier 1856?

Warum wurden ein paar Knochen zur Sensation?

1.1

Das verschwundene Tal

Einst war das Neandertal eine wilde, fast märchenhafte Felsschlucht. Steile Kalkwände ragten auf, dichtes Grün überwucherte die Hänge, die Düssel rauschte durch das enge Tal.

Eine Landschaft, die Menschen staunen ließ und Künstler inspirierte.

Im 19. Jahrhundert war diese Schönheit Ziel von Malern und Naturliebhabern. Doch mit dem Kalkabbau begann ihre Zerstörung: Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde die eindrucksvolle Felslandschaft fast vollständig abgebaut.

Seit 1921 stehen Teile des Tals unter Naturschutz. Heute ist das Neandertal ein wertvoller Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten und ein Ort, der seine verlorene Schönheit nur erahnen lässt.

1.2

Die Entdeckung

Die Neanderthalerknochen waren ein Zufallsfund. Im August 1856 schaufelten Arbeiter sie aus dem Lehm der Feldhofer Grotte. Johann Carl Fuhlrott beschrieb das Skelett später ausgestreckt auf dem Rücken, mit dem Kopf zum Höhleneingang. Wahrscheinlich war der Neanderthaler hier bestattet worden.

Doch der Kalkabbau zerstörte die Höhle, ihre genaue Lage geriet in Vergessenheit. Erst 1997 und 2000 fanden Archäologen die Fundstelle wieder. Unter Kalkschutt entdeckten sie Höhlenlehm, Werkzeuge, Tierknochen und weitere menschliche Fragmente. Sie zeigen: Hier lagen auch Knochen einer weiteren Neanderthalerin. Ein Kinderzahn weist darauf hin, dass auch einmal ein Kind in der Höhle war.

Heute markiert der Erlebnisturm Höhlenblick diesen besonderen Ort.

1.4

Ein Fund stellt die Welt auf den Kopf

Die Knochen aus dem Neandertal passten nicht in das Weltbild des 19. Jahrhunderts. Fuhlrott sah in ihnen die Reste eines uralten Menschen, älter als alles, was man damals für möglich hielt. Seine Deutung war mehr als eine wissenschaftliche These. Sie stellte die Ordnung der Welt auf den Kopf.

Denn der Mensch galt als unveränderlich: geschaffen nach dem Ebenbild Gottes, als Krone der Schöpfung und einzigartig unter allen Lebewesen. Die Idee, dass es vor uns andere Menschenformen gegeben haben könnte, war welterschütternd. Sie rückte den Menschen aus seiner Sonderstellung heraus.

Wenig später erweiterte Charles Darwin mit seiner Evolutionstheorie diese Perspektive. Der Mensch stand nicht mehr über der Natur. Er wurde Teil einer langen Geschichte von Veränderung, Verwandtschaft und Evolution.

So wurde der Fund von 1856 zu einem Schlüsselmoment der Wissenschaft und das Neandertal zur Wiege der Paläoanthropologie.

Nachbildung von verschiedenen Menschenarten auf Stammbusch in Ausstellung

2. Eine Reise durch die Zeit

Seit wann gibt es Menschen?

Wie alt ist die Welt, auf der wir leben?

Waren wir immer alleine auf der Erde?

2.1

Zeit und Evolution

Die Entwicklung des Lebens und seine Veränderungen verlaufen in für Menschen kaum fassbaren Zeiträumen. Dessen war sich schon Charles Darwin bewusst: „Die Betrachtung solcher Tatsachen hat auf den Geist fast dieselbe Wirkung wie das vergebliche Bemühen, sich eine Vorstellung von der Ewigkeit zu machen.“ (Aus: „Die Entstehung der Arten“).

Erst seit etwas mehr als 100 Jahren haben wir eine Vorstellung davon, wie alt die Erde tatsächlich ist, seit wann es Leben auf unserem Planeten gibt und wie vergleichsweise kurz die Existenz des Menschen und seiner fossilen Vorgänger ist.

2.2 

Menschenstrom

Wir sind heute die einzige Menschenart auf der Erde. Dies ist ein evolutionärer Sonderfall. Bis zum Aussterben der Neanderthaler haben immer mehrere Arten von Homininen gleichzeitig gelebt.

Rar sind die Fossilienfunde, mit denen sich unsere Entwicklungsgeschichte rekonstruieren lässt. Manche Arten sind nur durch einzelne Knochen belegt, andere sogar nur durch DNA-Spuren. Statt eines Stammbaums stellt sich unsere Entwicklung heute als breiter Fluss dar, der sich verzweigt und neue Arme ausbildet, die später auch wieder zusammenfließen können. Die Evolution des Menschen ist kein zielgerichteter Prozess, sondern Ergebnis von Anpassung und Zufall.

2.3

Eine Art, keine Rassen

Unsere Vorfahren waren dunkelhäutig. Schon damals gab es eine große Vielfalt an dunklen Hautfarben. Dank der Paläogenetik wissen wir heute: Helle Haut entstand erst spät. Sie entwickelte sich lange nach der Ära der Neanderthaler und der Migration früher Homo sapiens nach Europa. 

Hautfarben sind eine Anpassung an unterschiedlich starke Sonneneinstrahlung. Die frühesten Homininen hatten unter ihrem Fell helle Haut. Mit dem Verlust dieses Fells entwickelten sie dunklere Haut als Schutz gegen Sonneneinstrahlung. 

Helle Haut begünstigt in sonnenarmen Regionen die Aufnahme von Vitamin D. Auch Ernährung mit fettem Fisch und Innereien kann die ausreichende Versorgung mit Vitamin D sicherstellen. Deswegen konnten unsere Vorfahren lange Zeit auch in sonnenarmen Regionen ohne helle Haut leben. 

Heute gehören wir trotz aller Brauntöne einer einzigen Art an und stammen von gemeinsamen Vorfahren ab. Die Anwendung des Begriffes "Rasse" auf Menschen entstammt veralteten Ideologien. Es gibt Tierrassen durch Züchtung, aber Menschenrassen gibt es nicht. 

Rekonstruktion_Neanderthaler_Mr N & Mr 4%_homo neanderthalensis

3. Leben und Überleben

Wie begann die Geschichte der Menschheit?

Wie sah die Welt unserer Vorfahren aus?

Wo sind die Neanderthaler geblieben?

Wie kamen wir Menschen nach Europa?

3.1

Anfang in Afrika

Die Geschichte der Menschen begann in Afrika, und am Anfang standen Veränderungen der natürlichen Umwelt. Vor neun bis sieben Millionen Jahren ließen Klimaveränderungen den tropischen Regenwald schrumpfen. Die offeneren Seen- und Flusslandschaften durchstreiften bereits Hominine auf zwei Beinen.

Vor dreieinhalb bis zwei Millionen Jahren wurde das Klima in Afrika allmählich kühler und trockener, unterbrochen von wärmeren Phasen. Verschiedene Hominine entwickelten unterschiedliche Anpassungen an die schwankenden Lebensbedingungen. Sie bewohnten Savannen, Wälder, Uferzonen oder Waldränder. Sie aßen Gräser, Früchte, Knollen oder Insekten. Ihre unterschiedlichen Anpassungen spiegelten sich in ihren unterschiedlichen Körpern wider.

3.2

Wandel durch Anpassung

Arten bleiben nie gleich, sie verändern sich ständig. Schon innerhalb einer Population gleicht kein Individuum dem anderen. Denn bei der Zeugung wird das genetische Material der Eltern jedes Mal neu gemischt. 

Biologen nennen dies Rekombination der Gene. Dabei entstehen stets neue und einzigartige Artgenossen. Aber auch durch Veränderung der Erbsubstanz selbst, so genannte Mutationen, können neue Varianten entstehen.

Je besser ein Individuum aus dieser Variantenvielfalt an seine Umwelt angepasst ist, desto größer sind seine jeweiligen Überlebenschancen. Es nutzt das Nahrungsangebot effektiver, ernährt sich besser, setzt sich wirksamer gegen Feinde durch. Die Erfolgreichsten haben meist auch besonders viel Nachwuchs. Dadurch können sich ihre Erbanlagen allmählich durchsetzen.

3.3

Erste Menschen

Die Homo-Linie begann vor rund 2,5 Millionen Jahren mit Homo habilis, dem ersten Menschen der aus Geröllen Steinwerkzeuge schlug. Bereits bei Homo erectus, dessen älteste bislang gefundenen Überreste 2 Millionen Jahre alt sind, waren die typisch menschlichen Merkmale klar erkennbar. Er hatte schon „Köpfchen“, wie sein weit entwickeltes Gehirn nahe legt, er war gut zu Fuß und hatte deutlich an Körpergröße zugelegt. Kleiner hingegen wurde sein Gebiss, und an seinem Körper lichtete sich die Behaarung. Er stellte verschiedene Werkzeuge aus Stein und Holz her und kümmerte sich intensiv um seinen Nachwuchs.

Homo erectus wanderte von Afrika nach Asien und Europa aus. Aus ihm entwickelte sich Homo heidelbergensis und aus diesem die Neanderthaler.

3.4

Die Neanderthaler und wir

Die Neanderthaler (Homo sapiens neanderthalensis) sind Anthropologen bestens bekannt: Von keiner anderen Menschenform fand man mehr fossile Knochen. Diese unterscheiden sich von denen des heutigen Menschen (Homo sapiens sapiens).

So hatten die Neanderthaler kräftige Knochen. Ihren Gesichtern fehlten Wangengruben, deshalb wirkten sie spitzer. Oberhalb der Augen sprang ein ausgeprägter Überaugenbogen vor. Kiefer und Zähne waren ebenfalls kräftig. Womöglich verwendeten sie ihre Schneidezähne, die meist stark abgenutzt waren, als „dritte Hand“. Ihr Gehirn war größer als unseres.

3.5

Begegnungen

Wir, der Homo sapiens sapiens, entstanden vor etwa 300 000 Jahren in Afrika aus Nachfahren des afrikanischen Homo erectus. Ausgestattet mit hoher Anpassungsfähigkeit machten wir uns auf, den gesamten Globus zu besiedeln. In Asien und Europa trafen wir dabei auf entfernte Verwandte wie die Neanderthaler und Denisova-Menschen, Nachfahren früherer Auswanderer aus Afrika. 

In Europa kamen wir vor etwa 40 000 Jahren an. Wir lebten als eiszeitliche Jäger und Sammler, genau wie die Neanderthaler. Deren Zahl war durch den ständigen Wechsel von wärmeren und sehr kalten Klimaphasen bereits stark zurückgegangen. Unser Erbgut verrät zwar, dass wir uns mit ihnen auch vermischt haben, aber viele Regionen waren so dünn besiedelt, dass wir uns nicht immer begegnet sind. Die ersten Ankömmlinge wurden vom rauen Eiszeitklima wieder vertrieben. Erst nach der größten Kälte blieben wir.

3.6

Menschen und Klima

Das Klima beeinflusst die Lebensbedingungen der Menschen seit jeher. Im Wechsel von Warm- und Kaltzeiten mussten sie sich immer wieder an die sich verändernde Umwelt anpassen.

Besonders heftig waren kurzfristige Klimaschwankungen während der letzten Eiszeit, die zu extremer Kälte und Dürre führten. Weite Teile Europas lagen unter Eis und waren unbewohnbar. Die Menschen wichen nach Süden, Westen und Osten aus. Das Überleben der Neanderthaler in kleinen Gruppen wurde immer schwieriger. Vor 40.000 Jahren starben sie aus. Mit der Erwärmung zum Ende der letzten Eiszeit starben auch die großen Säugetiere der Mammutsteppe aus. 

Mit unterschiedlichen Methoden rekonstruieren Forschende aus aller Welt das Klima der Vergangenheit und erhalten so auch wichtige Informationen für die Entwicklung des heutigen Klimas. Die eiszeitlichen Klimaschwankungen sind nicht zu vergleichen mit den heutigen. Die aktuelle Klimaerwärmung wird durch den Einfluss des Menschen verstärkt und beschleunigt.

Werkbank mit Steinzeitwerkzeugen im Neanderthal Museum

4. Werkzeug und Wissen

Sind Steinwerkzeuge scharf? 
Konnten Neanderthaler Feuer machen? 
Können Menschen ohne Metall auskommen? 
Können nur Menschen Werkzeuge benutzen? 
Wie kommt das Loch da rein? 

4.1

Die Werkbank der Erfindungen

Der Ursprung vieler technischer Erfindungen des Menschen reicht weit zurück. Im Laufe von Jahrtausenden wurden diese Erfindungen durch neue Werkstoffe und Verfahren ständig weiterentwickelt und verbessert. Technisch bedeutsam war zum einen das Verbinden mehrerer Teile zu komplexen Werkzeugen mit deutlich höherer Leistungsfähigkeit. Zum anderen konnten durch Stoffumwandlung wie bei der Keramikherstellung oder bei der Metallverarbeitung neue, künstliche Werkstoffe hergestellt werden.

Aber erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und dem Einsatz fossiler Energieträger wie Kohle und Erdöl, konnten die Stoffumwandlung und die Synthese neuer Werkstoffe in großem Stil betrieben werden. Zugleich erreichte das technische Wissen in kurzer Zeit einen solchen Umfang, dass unter diesen industriellen Bedingungen bahnbrechende Erfindungen gelangen.

4.2 

Werkzeug für Werkzeuge

Die frühesten Nachweise von Werkzeugen sind 3,3 Millionen Jahre alt. Zu dieser Zeit gab es noch keine Gattung Homo. Es waren also Australopithecinen oder Kenyanthropus, die diese Werkzeuge herstellten. Sie konnten damit Tiere zerlegen oder Nüsse knacken.

Mit Steinwerkzeugen wurden auch andere Werkzeuge hergestellt. So kam ein ständiger Prozess der Werkzeugherstellung durch Werkzeuge in Gang. Der Grundstein für unsere Sachkultur war gelegt.

4.3

Geniale Ideen gibt´s überall

Machen Werkzeuge den Menschen einzigartig? Nicht ganz. Auch viele Tiere entwickeln erstaunliche Lösungen. Schimpansen angeln mit Stöcken nach Termiten. Krähen biegen Draht zu Haken. Oktopusse bauen sich aus Muscheln ein Versteck. Sie beobachten, probieren aus und passen ihr Verhalten an.

Der Erfindergeist beginnt also nicht erst beim Menschen. Aber beim Menschen wird aus einer guten Idee etwas Besonderes: Wissen wird geteilt, weitergegeben und immer wieder verbessert. Aus einfachen Werkzeugen entstehen Techniken, Traditionen und schließlich Kultur.

4.4

Gedreht, gebohrt, getragen

Was auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, gehört zu den raffiniertesten Werkzeugen der Altsteinzeit: der Steinbohrer. Mit zugespitztem Feuerstein konnten Menschen Knochen, Zähne, Muscheln oder Elfenbein durchbohren. So entstanden Anhänger, Perlen und andere Schmuckstücke.

Dafür brauchte es Kraft, Geduld und viel Erfahrung. Durch rotierende Bewegungen, Sand oder andere Schleifmittel wurden kleine, präzise Öffnungen geschaffen. Funde aus der Geißenklösterle-Höhle in Deutschland zeigen: Schon vor rund 40.000 Jahren verbanden Menschen technisches Können mit symbolischem Ausdruck. Werkzeuge dienten nicht nur dem Überleben. Sie halfen auch, Identität, Zugehörigkeit und Schönheit sichtbar zu machen.

Kopfkino Ausstellung Höhlenmalereien

5. Mythos und Religion

Gibt es Gemeinschaften ohne Mythen?

Haben Neanderthaler ihre Toten bestattet?

Sind Höhlenmalereien die ältesten Kunstwerke?

Wer errichtete Großsteingräber?

Sind die Weltreligionen miteinander unvereinbar?

5.1

Auf der Suche nach dem Anfang

Seit Urzeiten denken Menschen über den Anfang der Welt und ihre eigene Herkunft nach. Ihre Deutungen haben sie in heilige Geschichten gefasst, von denen wir heute aus allen Kulturen eine unübersehbare Zahl kennen. In den Schöpfungsmythen schaffen Götter oder übermenschliche Wesen aus dem Chaos die Erde und bringen das Meer, Gebirge, Pflanzen, Tiere und schließlich den Menschen hervor.

Die Erzählungen gelten als wahr. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben und bieten Orientierung in einer als geheimnisvoll und übermächtig empfundenen Welt. Anders als unsere modernen Theorien zur Entstehung der Welt durch den Urknall und die Evolution kommen diese Erzählungen ohne wissenschaftliche Belege aus. Mythen werden auch so geglaubt.

5.2

Das Leben mit dem Tod

Der Tod fordert uns unweigerlich heraus, über den Sinn unserer Existenz nachzudenken. Er nimmt nicht nur das Leben des Einzelnen. Tote hinterlassen auch eine Lücke im Geflecht der sozialen Beziehungen: Ein Partner verliert den anderen, das Kind einen Elternteil, der Bruder die Schwester. Trauer- und Bestattungsriten helfen den Angehörigen, den Verlust zu bewältigen. Wenn sich etwa die Trauernden nach dem Begräbnis zum Leichenschmaus versammeln, stärkt das auch die Solidarität der Gemeinschaft. So wird eingeleitet, was schließlich geschehen muss: das Schließen der Lücke, die Wiederherstellung der Ordnung in der Gemeinschaft.

Neanderthaler waren die ersten Menschen, von denen wir wissen, dass sie sich mit dem Tod auseinandersetzten und ihre Toten regelrecht bestatteten.

5.3

Heilige Höhlen

Die eiszeitliche Höhlenkunst bezeugt ein reiches spirituelles Leben.

Schon Neanderthaler nutzten Farben seit mehr als 200 000 Jahren. In spanischen Höhlen haben sie mit Ocker vor mehr als 60 000 Jahren Höhlenwände bemalt. Die Vielfalt der Malereien und Gravierungen erreicht im Laufe der letzten Eiszeit eine beeindruckende Fülle.

Zentrales Thema der frühen Künstler waren abstrakte Zeichen und Tiere aus ihrer Umwelt. Die Motive können wir heute zwar erfassen. Die Botschaften hinter den Bildern können wir aber nicht mehr lesen. Wahrscheinlich waren die tiefen Höhlen Heiligtümer für Initiationsriten oder andere wichtige Zeremonien. Wir kennen aber auch Wandkunst im Tageslichtbereich der Höhleneingänge oder an Felswänden im Freien.

5.4 

Überall und unterwegs

Der steinzeitliche Mensch schuf auch Kunst für unterwegs. Er stellte kleine Skulpturen, Gravierungen auf Steinen sowie Verzierungen von Gebrauchsgegenständen des Alltags her. Es entstanden in mühevoller Kleinarbeit Kunstobjekte von höchster Qualität und Ausdruckskraft. 

Geschnitzte Figuren aus Mammutelfenbein von der Schwäbischen Alb sind mit über 30 000 Jahren die ältesten bekannten Kunstwerke der Menschheit. Wie in der Höhlenkunst sind Tiere das häufigste Motiv der Künstler. Eine Ausnahme sind die einige tausend Jahre jüngeren Frauenfiguren aus Stein, Geweih, Mammutelfenbein oder gebranntem Lehm. Sie werden entdeckt an Lagerplätzen vom Südwesten Frankreichs bis zum Baikalsee in Sibirien. Auffallende Übereinstimmungen über riesige Entfernungen und Zeiträume hinweg zeigen die kulturelle Bedeutung des Symbols „Frau“.

5.5

Orte für die Toten

Die Totenbehandlung zeugt weltweit betrachtet von enormer menschlicher Kreativität. Es werden Orte geschaffen, Objekte hergestellt, Rituale und Regeln erfunden. Die Großsteingräber (Megalithen: gr.: mega = groß, lithos = Stein), die in der Nacheiszeit entstanden, als wir sesshaft wurden, sind frühe Beispiele für vom Menschen erschaffene Orte, an denen Tote über viele Generationen bestattet wurden und zugleich Kontakt zum Heiligen aufgenommen werden konnte.

Totenrituale beinhalten häufig eine besondere Behandlung des Körpers der verstorbenen Person. Der Transport zum Bestattungsplatz hat rituelle oder soziale Bedeutung. Die endgültige Deponierung der sterblichen Überreste kann sehr variabel sein. Zusätzlich werden Rituale zelebriert, die zeitlich weit über den Tod hinausgehen.

5.6

Die Weltreligionen

Im Vorderen Orient und in Ägypten entstanden vor 5 000 Jahren die ersten Hochreligionen. Sie waren eng mit dem Staat und seinem Herrscher verbunden. 

Den heutigen Weltreligionen Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus, Hinduismus und Konfuzianismus gehören etwa 70 Prozent der Erdbevölkerung an. Trotz unterschiedlicher Gottheiten, Bekenntnisse und Bräuche haben diese Religionen vieles gemeinsam: die heiligen Schriften mit zentralen Aussagen für das religiöse und persönliche Leben, die Priester, die sich ausschließlich der Religion und ihrer Vermittlung widmen, die monumentalen Bauwerke, in denen das Heilige seine irdische Heimat hat. Die meisten großen Glaubenssysteme kennen auch einen Stifter. Er hat seinen Anhängern das rechte Leben vorgelebt oder hat als „Gesandter Gottes“ dessen Wort verkündet.

Frau mit Audioguide vor ausgestopftem Wisent in der Ausstellung des Neanderthal Museum

6. Umwelt und Ernährung

Wie gesund lebten Neandertaler?

Seit wann gibt es Karies?

Wie sieht eine Ausgrabung aus?

Woher wissen wir, wie Menschen in der Steinzeit gelebt haben?

6.1

Sammeln und Jagen - ein perfektes Paar

Zwei Millionen Jahre lang zogen Menschen als Nomaden durch die Welt und lebten von dem, was die Natur ihnen bot. Sie sammelten Früchte, Beeren, Nüsse, Wurzeln, Eier, Muscheln und Insekten. Sie jagten kleine und große Säugetiere, Fische und Vögel. Die Beweglichkeit der Jäger und Sammler machte diese Lebensstrategie so erfolgreich. Die Nahrungsquellen der Natur sprudeln zu unterschiedlichen Jahreszeiten und an unterschiedlichen Orten. Man folgte diesem Rhythmus und hielt sich oft nur wenige Wochen an einem Lagerplatz auf. Die Gruppen waren klein und hatten gerade 20 bis 30 Personen. Wurde Nahrung knapp und drohte Hunger, spalteten sie sich weiter auf. Hatte man aber eine ganze Tierherde erlegt, schlossen sich mehrere Gruppen zusammen.

6.2

Triumph eines Allesfressers

Biologisch gesehen sind Menschen Allesfresser. Die unverzichtbaren Bausteine ihrer Nahrung - Kohlenhydrate, Fette, Proteine, Vitamine und Mineralien – können sie aus pflanzlicher und tierischer Kost gleichermaßen gewinnen. Sie haben diese Flexibilität äußerst kreativ genutzt und es so geschafft, überall auf dem Globus ihr Auskommen zu finden. Doch sie bereicherten nicht nur ihren Speisezettel, sondern erfanden auch neue Arten der Zubereitung. Kochen, Dünsten oder Braten machte die Nahrung weicher. Im Laufe unserer Entwicklung hatten wir immer weniger zu kauen. So schrumpfen seit Jahrmillionen Kiefer, Kaumuskeln und Zähne: In unseren Gesichtern lässt sich lesen, was wir essen.

6.3

Sesshaftwerdung

Mit der Sesshaftigkeit schlug der Mensch ein neues Kapitel im Umgang mit der Natur auf. Jäger und Sammler hinterließen kaum Spuren in der Landschaft. Bald nach dem Verlassen waren die Lagerplätze wieder überwuchert.

Ackerbau und Viehzucht setzten vor 10 000 Jahren eine Spirale in Gang, die sich bis heute dreht: Mehr und regelmäßiger zur Verfügung stehende Nahrung ließ mehr Menschen heranwachsen. Für sie musste wieder mehr Nahrung produziert werden. Also rodeten Bauern Wald, legten Moore trocken und holten mehr aus dem Boden heraus. Felder und Weiden beherrschten die Landschaft. In den modernen Agrarsteppen finden viele Arten kein Auskommen mehr. Von den nackten Feldern tragen Wind und Regenwasser die fruchtbare Ackerkrume fort, Dünger und Pestizide gefährden das Trinkwasser, intensive Bewässerung lässt Böden versalzen.

6.4

Ausgraben, messen, forschen

Eine archäologische Ausgrabung bedeutet immer die unwiederbringliche Zerstörung einer Fundstelle. Daher ist es wichtig, vor der sorgfältigen Bergung mit Kelle und Pinsel alles genau zu dokumentieren. Dazu wird eingemessen und gezeichnet, aber auch fotografiert und gescannt. An der Auswertung der Funde und Befunde sind verschiedene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beteiligt. Jedes Fundstück wird untersucht. Bei Steinwerkzeugen wird zum Beispiel bestimmt, woher das Gesteinsmaterial stammt. Haben die Steinzeitmenschen es an der Fundstelle hergestellt oder fertig mitgebracht? Tier- und Menschenknochen werden von Spezialisten mit naturwissenschaftlichen Methoden erforscht. Die einzelnen Forschungsergebnisse sind wie Puzzleteilchen, aus denen sich zusammengefügt unsere Vergangenheit rekonstruieren lässt.

Rekonstruktion_homo neanderthalensis_Neanderthaler Mädchen Kina

7. Kommunikation und Gesellschaft

Ist Sprache typisch menschlich?

Hatten Neanderthaler andere Gehirne als wir?

Kennen alle Gesellschaften die Kleinfamilie?

Ist Konkurrenz zwischen Menschen unvermeidbar?

Gab es immer soziale Unterschiede zwischen Menschen?

7.1

Erzählen als älteste Kunst

Die ersten Hominiden konnten sich nur mit Gesten, Mimik und einfachen Lauten verständigen. Bald entwickelten sie Sprache. Da sie keine Fossilien hinterlässt, kann ihr Nachweis nur indirekt geführt werden. Biologische Voraussetzungen der Sprachfähigkeit sind eine ausreichende Gehirngröße sowie spezielle anatomische Ausbildungen von Rachenraum und Kehlkopf.

Die biologische Voraussetzung für Sprache war bei Homo erectus wahrscheinlich erreicht. Das umfangreiche Wissen über die natürliche Umwelt, die komplizierten handwerklichen Kenntnisse und die in Jahrtausenden gewachsenen Lebensregeln konnte Homo erectus nicht mehr über Imitationslernen und Gesten vermitteln. Durch Sprache wurde der ständig anwachsende Schatz neu erlernten Wissens von Generation zu Generation weitergegeben. Die viel späteren Neanderthaler konnten zweifellos ähnlich sprechen wie wir.

7.2

Gehirn und Menschwerdung

Bezogen auf die Körpergröße ist unser Gehirn drei Mal größer als bei den Menschenaffen. Es macht etwa 2 Prozent unseres Körpergewichtes aus, verbraucht aber 20 Prozent unserer Körperenergie. Dieses überaus energieintensive Organ ist für die Sonderstellung des Menschen verantwortlich. Das Gehirnwachstum war nach biologischen Maßstäben rasant: Von den ersten Menschenartigen bis zum Homo erectus hatte sich das Gehirnvolumen mehr als verdoppelt.

Mit der Größe des Gehirns wuchsen auch seine Fähigkeiten. Die Wahrnehmung des Lebensraumes und die Informationsspeicherung gelangen immer besser. Die Verständigung wurde immer präziser. Mit Hilfe des Gehirns entstand ein kulturelles System der Informationsspeicherung von enormer Flexibilität und ungeahnter Ausbaufähigkeit.

7.3

Frühgeburt Mensch

Das Menschenkind ist eine Frühgeburt. Es muss in völlig unreifem Zustand auf die Welt, damit sein Kopf mit dem großen Gehirn den Geburtskanal noch passieren kann. Hätte es denselben Reifungsgrad wie ein Schimpansenbaby, müsste es weitere zehn Monate im Mutterleib verbleiben.

Daher ist neben der Betreuung durch die Mutter die Unterstützung durch weitere Beteiligte zwingend erforderlich. Sie müssen direkte und indirekte Hilfe für Kind und Mutter leisten: Sie beschaffen Nahrung und andere Ressourcen, stellen Gerätschaften und Hilfsmittel zur Verfügung und gewähren Schutz. Neben der Einbindung des Mannes und anderer Gruppenmitglieder in die Betreuung der Kinder ist auch die Oma-Rolle eine Erfindung des Menschen. Gemeinschaftliche Betreuung des Nachwuchses setzte spätestens mit Homo erectus ein. Die Sorge um das Kind schuf eng miteinander verbundene Kleingruppen.

7.4

Kleine Gruppen - große Wirkung

Typisch für menschliche Gemeinschaften sind über die Kleinfamilie hinausgehende Verwandtengruppen. Die Gruppengröße dieser kleinsten sozialen Einheiten lag bei Jägern und Sammlern weltweit durchschnittlich um 25 Personen. Ähnliche Kopfzahlen legen Ausgrabungen von eiszeitlichen Lagerplätzen nahe. Kleingruppen bildeten die Basis unserer kulturellen Entwicklung.

Menschen haben durch außergewöhnlichen Einfallsreichtum weltweit eine unüberschaubare Vielfalt verwandschaftlicher Beziehungen und Regeln entwickelt. Auch die aktuelle Gesellschaft unterliegt dieser Dynamik. So sind „Patchworkfamilien“ eine neue Variation der bürgerlichen Familie.

7.5

Reise in die Heimat

Alle heute lebenden Menschen haben eine gemeinsame Vorfahrin.

Tief in unseren Zellen liegen Spuren vergangener Generationen. Sie ermöglichen es Forschenden, Verwandtschaften über Jahrtausende hinweg nachzuvollziehen und den Weg unserer gemeinsamen Geschichte zu rekonstruieren.

Dieser Weg führt uns nach Afrika, zu unseren Wurzeln. Unsere Ahnin erinnert uns daran, dass hinter allen Grenzen, Kulturen und Unterschieden eine gemeinsame Herkunft liegt, eine Verbindung aller 8 Milliarden Menschen auf allen Kontinenten.

Wer versteht, woher wir kommen, beginnt auch zu fragen: Wohin gehen wir?

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